Projekt: Karl Plagge

Die Darmstädter Geschichtswerkstatt ist Mitglied des internationalen Karl-Plagge-Netzwerks.  zu dem sich seit 2005 auf der Basis der Recherchen der von Michael Good initiierten Plagge-Gruppe Überlebenden des Holocaust in Wilna, besonders aber von Karl Plagge im HKP-Lager in Wilna Gerettete sowie deren Nachkommen zusammengefunden haben. Zu dem Netzwerk, das über Internet in ständiger Kommunikation steht, gehören auch litauische, israelische und deutsche und kanadische Mitwirkende, neben Fachhistorikern auch Mitwirkende aus Geschichtsinitiativen und –werkstätten und aus Museen. Arbeitsgrundlage und Ziel des Netzwerks ist die vertiefte Erforschung und die Verbreitung der Geschichte der Hintergründe und der Einzelheiten von Karl Plagges Rettungsarbeit in dem von Nazi-Deutschland 1941 bis 1944 besetzten Wilna, das mit seinem Ghetto und dem nahe gelegenen Massenmordmordplatz Ponari zu einem Zentrum des litauischen Holocaust wurde. Wichtigstes Ergebnis dieser Anstrengungen ist die Ehrung Karl Plagges als „Gerechter unter den Völkern“ durch die israelische Gedenkstätte Yad Vashem, die im Juli 2004 beschlossen und am 5. April in Jerusalem in Anwesenheit u. a. von Holocaust-Überlebenden, die ihre Rettung Karl Plagge verdanken, feierlich proklamiert wurde. Es folgten Ehrungen durch das Ludwig-Georgs-Gymnasium in Darmstadt, das Karl Plagge besucht hatte, die Umbenennung einer Bundeswehrkaserne in Darmstadt in „Major-Karl-Plagge-Kaserne“ (2006).

Karl Plagge (1897 1957) war als Hauptmann, später als Major Chef einer großen Kfz-Reparaturwerkstätte der Wehrmacht, dem Heereskraftfahrpark (HKP) Ost 562. Ihm unterstanden etwa 250 deutsche Soldaten und eine große Zahl jüdischer und polnischer Zwangsarbeiter. Karl Plagge sorgte in seinem Verantwortungsbereich für menschenwürdige Behandlung der Zwangsarbeiter und rettete auch zahlreiche Familien mit Frauen, Kindern und älteren Menschen, die in der Nähe des HKP in einem Arbeitslager untergebracht waren. Vor dem Abzug seiner Einheit im Juli 1944 warnte er die Insassen des Lagers vor der bevorstehenden Liquidierung und verhalf dadurch ungefähr 250 Juden zum Überleben. Einzelheiten s. unter Biographien.

Das couragierte, menschliche Verhaltens Karl Plagges, ebenso die biographischen und historisch-politischen Hintergründe der Jahre des Holocaust in Litauen und die komplizierte Rekonstruktion der Ereignisse insgesamt ist in dem Buch „Die Suche. Karl Plagge, der Wehrmachtsoffizier, der Juden rettete“ von Michael Good, dem Sohn einer von Plagge geretteten Jüdin (in deutsche Übersetzung erschienen 2006), nachzulesen. Die Darmstädter Geschichtswerkstatt erarbeitete mit Hilfe öffentlicher und privater Spenden auf der Grundlage dieser Publikation, der in Litauen und in Deutschland aufgefundenen Dokumente auf dem Stand des Jahres 2007 die Ausstellung „Karl Plagge, ein Gerechter unter den Völkern“, die auf dieser Homepage mit Text- und Bildmaterial dokumentiert ist. Sie ist als Wanderausstellung vor allem in Schulen und Bildungseinrichtungen unterwegs. In einer englischen Version steht sie ab April 2009 zur Verfügung (s. Ausleihbedingungen).

Das Plagge-Projekt insgesamt verfolgt mehrere Ziele: der bislang erreichten Stand der historischen Erkenntnisse um das Verhalten dieses „Retters in Uniform“ soll weiter verfeinert werden, ebenso der Kenntnisstand über die auf Litauen und Wilna bezogene Geschichte der deutschen Vernichtungspolitik gegenüber Juden, aber auch über deren Widerstand und über das Überleben der wenig Geretteten. Publikationen, Ausstellung und Veranstaltungen sollen die exemplarischer Geschichte des „menschlichen Verhaltens in unmenschlicher Zeit“, die mit dem Namen Karl Plagges verbunden ist, verbreiten und zugänglich erhalten.