Namenslisten aus Gedenkstätten

Im Zusammenhang mit der Ausstellung „Namen statt Nummern“ des „Gedächtnisbuchs Dachau“ (Januar 2013, s. ) erhielt die Geschichtswerkstatt vom Archiv der Gedenkstätte KZ Dachau die Liste jener Häftlinge, die nach 1933 von Darmstadt in das Lager Dachau deportiert worden sind, insgesamt eine Liste mit nahezu neunzig Namen. Nur wenige von ihnen – wie Heinrich Delp – sind in Darmstadt bekannt, die meisten Namen, erst recht die dazu gehörenden Biographien, sind in öffentlich zugänglichen Quellen bis heute nachzulesen. Wir wissen z.B. nichts von der Lebensgeschichte eines Heinrich Ganss, der – so die Liste aus Dachau - in Darmstadt vor seiner Inhaftierung gewohnt hat und von den Lagerbürokraten als „Rotspanier“ geführt wurde. Den Angaben in der Liste zufolge ist er am 29. April 1945 befreit worden.

Mit der Zuordnung der Namen in „Häftlingskategorien“ (z.B. „Arbeitszwang, Reich“) ist allerdings mit Vorsicht umzugehen. Die SS ordnete die Häftlinge in den Konzentrationslagern in ein bürokratisches Diskriminierungssystem ein. Eine Publikation der Namenslisten mit diesen Merkmalen würde die betroffenen Opfer erneut mit dem Stempel der Diskriminierung durch die SS kenntlich machen. Dies trifft allerdings nicht auf die Namensliste des „Erinnerungsblatts“ zu, das an die Wiedersehensfeier jener Häftlinge erinnert, die im August 1944 nach dem missglückten Attentat auf Hitler aus Darmstadt nach Dachau deportiert worden, nach der Befreiung 1945 zurückgekehrt waren und sich im August 1946 „im Speiseraum des Wartesaals im Hbf. zu Darmstadt“ nochmals versammelten.

Die Namensliste aus Dachau, die mehrfach den Hinweis auf eine weitere Deportation in andere Lager enthält, war für die Geschichtswerkstatt Anlass, bei anderen KZ-Gedenkstätten und deren Archiven nach Namen aus Darmstadt zu fragen. Aus den angeschriebenen Archiven – Buchenwald (52 Namen aus der „Häftlingsnummernkartei“ mit dem Geburtsort Darmstadt, 43 Namen aus der „Sterbeliste“; Sachsenhausen (19 Namen), Flossenbürg (10 Namen), Groß-Rosen (9 Namen), auch aus den Archiven der Tötungsanstalten in Hadamar und Hartheim – erhielt die Geschichtswerkstatt teils genaue Namenslisten, teils – wegen großer Arbeitsbelastung – zunächst nur pauschale Zahlenangaben zu den dort ermordeten Opfern aus Darmstadt und Umgebung, die allerdings für sich allein erschütternd genug sind.

Aus Hadamar kam die Auskunft, dass dem Mordprogramm, das vor allem gegen psychisch Kranke und gegen Behinderte gerichtet war, bis 1941 nachweislich 86 Patientinnen und Patienten mit Geburtsort oder dem letztem Wohnsitz in Darmstadt bzw. dem Landkreis Darmstadt zum Opfer gefallen sind. Zwischen 1942 und 1945 wurden 21 Darmstädter Patientinnen und Patienten durch überdosierte Medikamente, Hungerkost und vorenthaltene medizinische Versorgung ermordet.

Die Frage, in welcher Weise wir heute, fast siebzig Jahre nach dem Ende des Naziregimes, in Würdigung der Opfer mit diesen Unterlagen aus der Bürokratie der Konzentrationslager und Tötungsanstalten umgehen sollten, ist schwer zu beantworten. Es ist unmöglich, eine größere Zahl der Lebensgeschichten dieser Opfer aus Darmstadt, die meist mit Todesfolge aus der „deutschen Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen waren, aufzuspüren.
Wer war beispielsweise Heinrich Ganss, der, aus Darmstadt kommend, sich vermutlich den Internationalen Brigaden im Kampf gegen den Franko-Faschismus anschlossen hatte?
Können wir herausfinden, wie die Lebensgeschichten von Charlotte Brandsilber und Nelly Brechner verlaufen sind, die vom KZ Groß-Rosen in das Außenlager Brünnlitz (beide Orte liegen im heutigen Polen) verlegt wurden und zu den von Oskar Schindler geretteten Juden gehörten? Beider Geburtsort war Darmstadt, ihre Namen sind mit denen vieler Familienangehöriger im alten Melderegister der Stadt verzeichnet und stehen auf der Liste der Schindler-Geretteten, wie von Yad Vashem bestätigt wurde.
Wie würdigen wir jene Darmstädter, die als angeblich Asoziale oder als Homosexuelle den Schlägen der Wachmannschaften oder dem Verzweiflungstod im elektrischen Zaun zum Opfer gefallen, „auf der Flucht erschossen“ worden sind?

Bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie in Darmstadt - auch mit Rücksicht auf Familien und auf die Erinnerung an die Betroffenen selbst – in angemessener Weise dieser Opfer gedacht werden kann, wird die Geschichtswerkstatt in weiteren Gedenkarchiven nach Namen ehemaliger Häftlinge aus Darmstadt fragen.

Erinnerungsblatt Darmstädter Dachau-Häftlinge, 24.08.1946 (PDF)